Interview mit Thomas Beckmann

28. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Düsseldorf, Interview

Der weltbekannte Cellist Thomas Beckmann, geboren 1957 in Düsseldorf, gründete 1993 eine der ersten privaten Hilfsaktionen zugunsten obdachloser Menschen. Daraus wurde im Jahr 1996 der Verein „GEMEINSAM GEGEN KÄLTE e.V.“ Thomas Beckmann hat uns zum Interview ins Schumannhaus, die letzte Wohnung von Clara und Robert Schumann,  eingeladen, wo er seit 1990 mit seiner Frau lebt.

lola Herr Beckmann, unsere erste Frage gilt immer der Stadt Düsseldorf. Was lieben Sie, als gebürtiger Düsseldorfer, hier besonders?

Beckmann Vor allem liebe ich den Rhein, er ist der Schicksalsstrom Deutschlands und eröffnet der Stadt große Möglichkeiten. Durch die Untertunnelung der Rheinuferpromenade hat die Stadt enorm an Freizeitwert gewonnen, die Altstadt wurde aufgewertet.

lola Durch Ihre Konzerte sind Sie ja sehr viel unterwegs. Vermissen Sie dann Ihre Heimatstadt?

Beckmann Ja, nach jeder Reise bin ich froh, wieder in Düsseldorf, dieser lebensfrohen Stadt, zu sein. Dadurch, dass der Anteil der Zugereisten, also der nicht gebürtigen Düsseldorfer, sehr hoch ist, ist die Kontaktfreude der Menschen viel größer, größer übrigens auch als in Köln.

lola Gibt es Sie auch etwas, das Ihnen hier nicht gefällt?

Beckmann Nein, eigentlich nicht. Lediglich das Klima ist nicht so angenehm. Wir liegen ja hier in einer Niederung, die Sommer sind oft unangenehm schwül und HNO-Erkrankungen sind in Düsseldorf und Umgebung an der Tagesordnung.

lola Wie sind Sie denn nun zu Ihrem Engagement für obdachlose Menschen gekommen?

Beckmann Da muss ich weit zurückgehen zu einem Erlebnis, das ich als fünfjähriger Junge hatte. Mein Vater machte mit mir einen Spaziergang durch die Altstadt zum Rhein und vor dem Rathaus saß ein Bettler. Mein Vater gab ihm 50 Pfennig, was damals nicht wenig Geld war und erklärte mir, das sei ein armer Mann. Ich fragte meinen Vater, wer sich denn um den Mann kümmern würde und bekam zur Antwort: „Der Staat“. Und auf meine Frage, wer denn der Staat sei, erklärte mir mein Vater, das seien wir alle. Also habe ich gefragt, warum denn der Mann dort sitzen und betteln muss, wenn sich doch alle um ihn kümmern. Ja, so fing es an…

lola Also haben Sie 1993 eine der ersten privaten Initiativen zugunsten Obdachloser gegründet.

Beckmann Ja, genau, denn ich bin der Meinung, dass man privat etwas tun muss. Obdachlosigkeit kann jeden von uns treffen, das ist ähnlich wie mit einer schweren Krankheit. Man denkt doch immer, Krebs bekämen nur die anderen, man selbst aber bliebe verschon – so lange, bis man dann doch selbst krank wird. Ein Drittel der Obdachlosen sind übrigens Akademiker und Selbstständige, oft führen der Verlust des Partners, Scheidungen oder eben Drogen und Alkohol in die Obdachlosigkeit.

lola Wie könnte denn den obdachlosen Menschen besser geholfen werden?

Beckmann  Zunächst einmal ist der Schuldgedanke völlig falsch. Die meisten Menschen denken ja, die Obdachlosen seien an ihrer Situation selbst schuld. Das stimmt aber in den allermeisten Fällen eben nicht. Und wenn das klar wird, sind die Menschen auch eher bereit zu helfen. Dann müssten die Unterkünfte rund um die Uhr geöffnet sein und Alkohol dürfte nicht grundsätzlich dort verboten sein. Auch Schlafsäle sind völlig falsch, es müssen kleinere Schlafbereiche geschaffen werden, so wie das übrigens Bruder Matthäus anbietet. Gut wäre auch, wenn die Möglichkeit bestünde, dass Paare zusammen übernachten dürfen oder dass Obdachlose ihre Hunde mit in die Unterkünfte bringen können. Hier müssen Lösungen gefunden werden.

lola Herr Beckmann, sind Sie der Meinung, dass die Stadt Düsseldorf mehr für die Obdachlosen tun müsste?

Beckmann Düsseldorf gehört schon zu den Städten, die im Verhältnis viel für ihre Obdachlosen tun und einen positiven Umgang pflegen. Man muss verstehen, dass viele Obdachlose einfach lebensuntüchtig und oft auch therapieresistent sind. Sie sind zum Beispiel gar nicht in der Lage, die ihnen zustehende Grundsicherung zu beantragen. Die Beamten müssten also zu den Obdachlosen hingehen und mit ihnen gemeinsam die entsprechenden Anträge ausfüllen und eine Art Organisationsberatung oder Lebenshilfe leisten. Außerdem müssen die Obdachlosen im Straßenbild von Bürgern und Touristen akzeptiert werden.

lola Was können Sie mit Ihren Konzerten bewirken?

Beckmann Neben den Erlösen aus den Konzerten, die den Obdachlosen zugute kommen, erreiche ich mit meinen Konzerten das Bildungsbürgertum, die Multiplikatoren. Das heißt, es gelingt mir durch die Konzerte mehr und mehr, das Thema von der Schuldfrage zu befreien, sodass die Menschen eher bereit sind zu spenden und zu helfen. Wenn viel für Obdachlose getan wird, heißt es eben oft, die Politiker tun zu viel für die Penner. Und das möchte ich durch meine Konzerte ändern.

Herr Beckmann, wir danken Ihnen ganz herzlich für das
Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und viele Unterstützer.

 

Das Interview führte  Beate Werthschulte.


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