Grenzübergänge

2. November 2011 | Von | Kategorie: Hugo Berg

Ich fahre durch eine uselige nasse Kälte und nenne es Herbst. Mir wird plötzlich bewusst, dass eine Grenze überschritten wurde. Die Jahreszeit hat sich verändert und ich sehe auf einmal die goldenen Blätter intensiver und spüre die Kälte frisch auf meiner Haut. Auch der vergangene Sommer scheint mir nun wärmer und schöner als ich ihn vorher empfunden hatte.

Oft sind es diese kurzen Momente eines Überganges von einem „Vorher“ zum „Jetzt“, in denen ich bewusster einen Moment spüre.

Wenn ich nach Belgien fahre, bemerke ich die Laternen an der Autobahn. Mir wird bewusst, dass ich im Urlaub bin, freue mich, und trete auf die Bremse. Fahre ich zurück nach Deutschland, bemerke die fehlenden Laternen, freue mich  und beende meinen Urlaub durch einen Tritt auf das Gaspedal.

Intensiver ist diese Erfahrung einer Veränderung zum Beispiel bei einer Erkältung. Ich mache mir kaum Gedanken über meine Kraft, die es mir ermöglicht eine Treppe zu erklimmen oder ein Glas Gurken zu öffnen. Ich wache meist jeden Morgen auf und denke mir nichts dabei. Aber wenn ich aufwache und weniger Kopfschmerzen habe als am Tag zuvor, wenn ich wieder Kraft in meinen Gliedern spüre, weil meine Erkältung abklingt, dann empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit für meinen Zustand der Gesundheit. Oder eine Undankbarkeit, wenn ich aufwache und eine Erkältung spüre, die ich vorher nicht hatte.

So oder so. Wäre es nicht schön diese Dankbarkeit im Herzen zu behalten? In Chicago ging im einmal auf eine Kreuzung zu, an der ein Obdachloser sein Geld durch Bettelei verdiente. Großstadterfahren setzte ich mein finsterstes „Sprich mich nicht an Gesicht“ auf und war bereit die Straße wortlos zu überqueren.

Aber dieser Penner sprach mich an! Er erklärte mir, dass ich an diesem Tage doch aufgewacht sei und ich leben würde. Allein das sollte doch ein Grund der Freude sein und ich sollte nicht so bepisst dreinschauen.

Er brachte mich zwar nicht zum Reden, brachte mich aber zum Nachdenken. Mein Leben erscheint mir wie ein Sommer. Ich erwarte 3 Monate schönstes Wetter! Dann beschwere ich mich über den Regen, darüber, dass es zu kalt ist, dass es zu heiß ist und wenn die Tage dann doch mal perfekt sind, dann ärgere ich mich darüber, dass ich arbeiten muss, oder sonstige Dinge zu tun habe, die mich davon abhalten den Sommer zu genießen.

Wahrscheinlich werde ich irgendwann im Herbst eines Morgens nicht aufwachen und denken, dass mein Leben vorher doch ganz in Ordnung war.

Steve Jobs gewidmet

Ohne Apple wäre mein Leben anders verlaufen.

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